| Zeit zu gehen |
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| Donnerstag, 30. September 2010 um 11:59 Uhr |
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Heute Morgen hatte ich eine interessante Begegnung mit unserem 95-jährigen Nachbarn, Herrn M. Ich traf ihn vor seinem Haus, wo er gerade dabei war, den Gehweg zu fegen. Weil wir uns länger nicht mehr gesehen hatten, blieb ich stehen, um ihn zu begrüßen. "Hallo Herr M.", sage ich (natürlich kürzte ich seinen Namen nicht ab, aber aus Datenschutzgründen werde ich es im folgenden Text tun). "Ach", ruft Herr M., "Sie kenne ich, Sie haben vor Jahren mal hier gewohnt!" Mein erster Gedanke: Oh, nun hat die Altersdemenz ihn doch erwischt. "Ich wohne immer noch hier", antworte ich etwas verunsichert. "Na, weiß ich doch", lacht Herr M., "aber wir haben uns ja schon so lange nicht mehr gesehen." Oh Mann, denke ich, alten Menschen traut man nicht mal mehr zu, dass sie einen Scherz machen können. "Sie haben ja so viel Holz im Vorgarten liegen", sagt Herr M. "Wie wollen Sie das denn klein kriegen?" "Tja, hacken", antworte ich. "Wollen Sie das wirklich selbst machen?", fragt er. "Ja, wird anstrengend, aber werden wir schon irgendwie schaffen. Letztes Mal habe mich mit einem Hammer auf die Axt gehauen, um das Holz zu spalten. Das hat ganz gut funktioniert." "Na", sagt Herr M., "wenn Sie Hilfe brauchen, sagen Sie Bescheid." - Ups, denke ich, ob er da wohl nicht ein wenig an Selbstüberschätzung leidet? Immerhin ist der gute Mann 95 Jahre alt und auch wenn er noch erstaunlich rüstig ist – Holzhacken traue ich ihm dann doch nicht mehr zu. Während ich noch überlege, was ich darauf antworten soll, sagt Herr M.: "Mit Kraft kann ich natürlich nicht mehr dienen, ich hab schon Mühe, die Kaffeekanne hochzuheben. Aber falls Sie einen schweren Hammer ausleihen wollen, sowas hab ich." Ein wenig beschämt versuche ich nun, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. "Wie geht es Ihnen denn so?", frage ich. "Ist Zeit zu gehen", sagt Herr M. nach kurzem Zögern und nickt dabei nachdenklich. Nun denke ich, da wird er wohl recht haben, denn er hat ja offenbar seine Sinne beisammen und wird wissen, was gut für ihn ist. Also nicke ich auch und so stehen wir einen Moment schweigend beisammen. Dann lächelt Herr M. verschmitzt und sagt munter: "Aber bis dahin muss man ja noch saubermachen." Und schon schwingt er wieder seinen Besen und wünscht mir einen schönen Tag. |



