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Der Lektüre-Report PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, 04. Mai 2011 um 16:15 Uhr

Ich hatte ihn ja versprochen, den Lektüre-Report der letzten Monate. Hier kommt er.

Den letzten Herbst habe ich u. a. mit zwei Büchern verbracht, auf die ich schon lange gewartet hatte: „Freiheit“ von Jonathan Franzen und „Ein Hemd des 20. Jahrhunderts“ von Yann Martel.

Franzen gehört seit den „Korrekturen“ zu meinen absoluten Lieblingsautoren, und so bin ich sofort in die Buchhandlung gestapft, als ich hörte, dass sein neuer Roman erschienen ist. Und was soll ich sagen: Nach einem etwas zögerlichen Beginn konnte Franzen seine herausragende Position in meiner persönlichen Schriftsteller-Hitliste bestätigen.

Cover Jonathan Franzen: Freiheit
„Freiheit“ ist gut geschrieben, kurzweilig und überzeugt genau wie „Die Korrekturen“ durch die fein skizzierte Psychologie der Protagonisten. Absolut lesenswert für alle, die amerikanische Gegenwartsliteratur mögen.

Eine krasse Enttäuschung war dagegen „Ein Hemd des 20. Jahrhunderts“ von Yann Martel. Hier stimmt so ungefähr gar nichts: Das schmale Bändchen hat die Bezeichnung Roman kaum verdient. Die Geschichte ist zwar interessant konstruiert, mündet aber in eine Auflösung, die psychologisch nur schwach unterfüttert ist und daher bei aller Dramatik blass und unglaubwürdig wirkt.
Cover Yann Martel: Ein Hemd des 20. Jahrhunderts
Und das Schlimmste ist, dass das Buch zeitweilig auch noch richtig schlecht geschrieben ist. Hier hätte das Lektorat vielleicht noch die eine oder andere Kartoffel aus dem Feuer holen können. Allein in den Passagen des mit dem Text verflochtenen Theaterstücks tritt zeitweilig die Könnerschaft des Autors hervor – aber wer würde ein Theaterstück nicht viel lieber auf der Bühne anschauen, statt es in einem Buch zu lesen? Umso überraschender sind die „Spiele für Gustav“ auf den letzten Seiten des Romans. Ich habe viele Bücher über den Holocaust gelesen, aber wohl kaum etwas Verstörenderes als diese 13 kurzen Skizzen.

Auch in den neuen Roman „Das große Haus“ von Nicole Krauss hatte ich etwas größere Erwartungen gesetzt. Das Buch ist zwar nicht schlecht geschrieben, aber insgesamt fehlte mir ein stärkerer Halt zwischen den unterschiedlichen Erzählfäden. Zudem kamen mir manche Kapitel etwas langatmig vor. Daher leider nur Schulnote 3.
Cover Nicole Krauss: Das große Haus

Ein Weihnachtsgeschenk war der Roman „Andernorts“ von Doron Rabinovici. Ich finde den Text literarisch eher schwach und bin umso erstaunter, dass das Buch nicht nur für den Deutschen Buchpreis 2010 nominiert war, sondern auch zahlreiche gute Kritiken bekommen hat. Auf mich wirkt die Geschichte überkonstruiert, sie wäre als verfilmte Komödie vielleicht besser rübergekommen. Die vielen Klischees und Gemeinplätze trüben das Lesevergnügen zudem in stilistischer Hinsicht.
Cover Doron Rabinovici: Andernorts

Und noch ein Buch, das mich nicht überzeugt hat: „Mit Blick aufs Meer“ von Elizabeth Strout, die damit 2009 den Pulitzer-Preis in der Kategorie Roman gewonnen hat. Das Buch ist zwar nicht schlecht geschrieben, hat mich aber weder besonders berührt noch mitgerissen. Stattdessen störte mich die ewig nörgelnde, misanthrope Art der Hauptfigur Olive Kitteridge. Wie Ruth Klüger in ihrer Rezension in der „Welt“ da von „Menschenliebe und Lebenshunger“ sprechen kann, ist mir rätselhaft.
Cover Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer

 

 

 

 

 
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