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Taiwan today PDF Drucken E-Mail
Sonntag, 27. November 2011 um 14:46 Uhr

Ich hatte einen kleinen Bericht über die aktuelle politische Lage in Taiwan versprochen. Hier ist er.

In meinem Blog-Eintrag zur taiwanischen Geschichte habe ich geschrieben, dass von der diktatorischen Vergangenheit Taiwans im Alltagsleben nichts mehr zu spüren ist. Diese Aussage spiegelt natürlich nur die beschränkte Sichtweise einer Besucherin wider, die sich mit den taiwanischen Verhältnissen so gut wie gar nicht auskennt und bis vor kurzem noch nicht einmal wusste, wo Taiwan überhaupt liegt.

Bei einer Internetrecherche habe ich nun gelernt, dass es hier offenbar ein Dreieck aus organisierter Kriminalität, Wirtschaft und Politik gibt, das in den Medien als "Schwarzes Gold" bezeichnet wird. Diese Information hat mich schon ein wenig irritiert. Korruption: okay, wo gibt's das nicht? Aber organisierte Kriminalität?!

Kurz zur Orientierung: Die politischen Lager in Taiwan spalten sich grob in eine sogenannte pan-blaue Koalition (Kuomintang und zwei weitere Parteien) und in eine pan-grüne Koalition (Demokratische Fortschrittspartei, Taiwanische Solidaritätsunion und Taiwanische Unabhängigkeitspartei).

Offenbar haben die Verbindungen einiger Parteien in die Unterwelt eine recht lange Tradition, sie gehen zurück bis zur Gründungsphase der bereits erwähnten Kuomintang. Die Kuomintang regierte in Taiwan zwischen 1950 und 2000 ununterbrochen. Mit Chen Shui-bian kam dann erstmalig ein Politiker der Demokratischen Fortschrittspartei an die Macht. Doch wer glaubt, die Verhältnisse hätten sich damit in irgendeiner Weise verbessert, liegt falsch. Chen Shui-bian war offenbar derart in irgendwelche krummen Geschäfte verwickelt, dass ein Politiker aus den eigenen Reihen (!) eine Kampagne startete, um den Präsidenten zum Rücktritt zu zwingen ("Eine Million Stimmen gegen Korruption, Präsident Chen muss gehen"). 2007 beugte sich Chen Shui-bian diesem Druck und dankte ab.

Seit 2008 ist mit Ma Ying-jeou nun wieder ein Politiker der Kuomintang im Präsidentenamt. Immerhin einer, der sich bereits seit Ende der 1980er Jahre gegen die Korruption in Taiwan einsetzt, auch in der eigenen Partei. In seiner Amtszeit als Bürgermeister von Taipeh wurde er selbst zwar einmal wegen Veruntreuung von Geldern angeklagt, am Ende jedoch freigesprochen.

Im Hinblick auf die Beziehungen zur Volksrepublik China wollen die pan-blauen Parteien übrigens den Status Quo aufrecht erhalten (keine Wiedervereinigung mit China, aber auch kein eigenständiges Taiwan). Die pan-grünen Parteien streben dagegen die Unabhängigkeit Taiwans an. Paradoxerweise stehen beide politischen Lager damit im Grunde auf derselben Seite, denn de facto ist Taiwan unabhängig von der VR China: Es hat eine eigene Regierung, eine eigene Verwaltung und einen eigenen Staatshaushalt.

Taiwan ist übrigens sogar so unabhängig vom Rest der Welt, dass es eine eigene Zeitrechnung hat. Sie beginnt mit der Gründung der Republik China am 1.1.1912. Somit schreibt die Republik derzeit das Jahr 100. Auf vielen Dokumenten, Kassenbons oder Ankündigungen sind die Daten entsprechend dieser Zeitrechnung angegeben. So steht etwa auf der Rechnung von Noras neuem iPad, dass sie es am 7.11.100 gekauft hat. Die taiwanische Schreibweise dafür ist: 100 11 本月 7 日.

 
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