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Stilübungen PDF Drucken E-Mail
Dienstag, 22. Januar 2008 um 15:38 Uhr
Als Texterin beschäftige ich mich einen Großteil des Tages mit der Frage, auf welche Weise eine Information wohl am besten, am treffendsten, am überzeugendsten oder am verständlichsten transportiert wird. Das Schwierige (und manchmal extrem Zeitaufwändige) daran ist weniger das Aneinanderreihen von Wörtern und Sätzen zu einem schlüssigen Text, sondern der Prozess der Entscheidung zwischen diesem oder jenem Wort, diesem oder jenem Aufbau, diesem oder jenem Stil. Der französische Schriftsteller Raymond Queneau hat die Möglichkeiten der Darstellung eines Sachverhaltes in den 40er Jahren mal literarisch durchdekliniert. Hier ein kleiner Einblick in seine "Stilübungen":
Queneau beginnt mit einer kleinen Geschichte, die er anschließend auf 99 unterschiedliche Weisen variiert. Der Ausgangstext geht so:
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Angabe
n
Im Autobus der Linie 5, zur Hauptverkehrszeit. Ein Kerl von etwa sechsundzwanzig Jahren, weicher Hut mit Kordel anstelle des Bandes, zu langer Hals, als hätte man daran gezogen. Leute steigen aus. Der in Frage stehende Kerl ist über seinen Nachbarn erbost. Er wirft ihm vor, ihn jedesmal, wenn jemand vorbeikommt, anzurempeln. Weinerlicher Ton, der bösartig klingen soll. Als er einen leeren Platz sieht, stürzt er sich drauf. Zwei Stunden später sehe ich ihn an der Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare, wieder. Er ist mit einem Kameraden zusammen, der zu ihm sagt: "Du solltest dir noch einen Knopf an deinen Überzieher nähen lassen." Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt) und warum.

In der Variante "Die subjektive Seite" wechselt er beispielsweise die Erzählperspektive:
Ich war gar nicht so unzufrieden mit meiner Kleidung, an diesem Tag heute. Ich weihte einen neuen, recht kecken Hut ein und einen Überzieher, von dem ich wirklich nur das Beste dachte. Vor der Gare Saint-Lazare X getroffen, der es darauf anlegt, mir den Spaß zu verderben, indem er mir zu beweisen suchte, daß dieser Überzieher zu weit ausgeschnitten sei und daß ich noch einen zusätzlichen Knopf daran anbringen sollte. Meine Kopfbedeckung zu kritisieren hat er allerdings nicht gewagt.
Kurz zuvor hatte ich auf elegante Weise einen alten Flegel fertiggemacht, der mich doch jedesmal, wenn beim Ein- und Aussteigen jemand vorbeikam, absichtlich grob behandelte. Dies trug sich in einem jener unsauberen Autobi* zu, die sich genau zu der Stunde mit Populus füllen, in der ich sie zu benutzen gedenke.
* = Autobusse

Sehr schön ist auch diese Variante:
Definitionsmäßig
In einem großen, mit dem neunzehnten Buchstaben des Alphabets gekennzeichneten und im Stadtverkehr eingesetzen öffentlichen Automobilfahrzeug machte sich ein junger, einen 1942 in Paris gegebenen Spitznamen tragender Exzentriker, dess den Kopf mit den Schultern verbindender Körperteil sich über eine gewisse Entfernung hinaus erstreckte und der auf der oberen Extremität des Körpers eine Kopfbedeckung variabler Form trug, die von einem dicken, in Form eines Zopfes geflochtenen Band umgeben war - machte sich also dieser junge Exzentriker, der ein Individuum, das sich von einem Ort zum anderen fortbewegte, einer Schuld bezichtigte, die darin bestand, seine Füße einen nach dem andern auf die seinen zu stellen, auf den Weg, sich auf ein Möbelstück zu plazieren, das so angeordnet war, daß man sich darauf setzen konnte, ein unbesetzt gewordenes Möbelstück.
Hundertzwanzig Minuten später sah ich ihn von neuem vor der Gesamtheit der Gebäude und der Gleise einer Eisenbahn, wo die Aufbewahrung der Güter und Waren erfolgt oder das Ein- und Aussteigen der Bahnbenutzer stattfindet. Ein anderer junger, einen 1942 in Paris gegebenen Spitznamen tragender Exzentriker versorgte ihn mit Ratschlägen darüber, was zu tun sich gezeime betreffs einer mit Stoff überzogenen oder nicht überzogenen Metall-, Horn-, Holz- oder sonstwie gearteten Scheibe, die dazu dient, die Kleidungsstücke - im vorliegenden Falle ein männliches Kleidungsstück -, die man über den anderen Trägt, zu schließen.

Und hier noch eine letzte Variante, die ich euch nicht vorenthalten will:
Sonett
Mit langem Hals ein jämmerlicher Schemen,
von Hut geflochten und von Schnauze kahl,
bequemte sich zur täglich neuen Qual,
den meistens voll besetzten Bus zu nehmen.
Schon war ein zehn, ein S vielleicht, zur Stelle.
Die Plattform, Spielzeug des Vehikels, trug
die Menschenmeng' in ihrem winzgen Bug
und rauchend reiche Homosexuelle.
Und das Giräffchen aus der ersten Strophe
vergriff sich fast an einem braven Mann,
als wollte dieser seine Katastrophe.
Sich aus der Tinte helfend schielt verlegen
nach einem Sitzplatz es. Und später dann
prüft seinen Mantel einer eines Knopfes wegen.

Kursiv gestellter Text zitiert aus: Raymond Queneau: Stilübungen. Suhrkamp 1964

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