Kathrin Passig und Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdiszplin. Rowohlt Verlag 2008
Ich habe es lange vor mir hergeschoben, diese Rezension zu schreiben. Ich habe es sogar so lange vor mir hergeschoben, dass ich schon dachte: Es hat sowieso keinen Sinn mehr, dieses Buch zu rezensieren. Es wurde schon viel darüber geschrieben - wahrscheinlich ist dem nichts mehr hinzuzufügen. Ich sollte mir lieber ein aktuelleres Buch zum Rezensieren suchen ... Und damit sind wir auch schon mitten im Thema: Es geht um das Aufschieben von Aufgaben, ein Phänomen, das sich unter dem viel beeindruckender klingenden Namen "Prokrastination" für wissenschaftliche Untersuchungen qualifiziert hat. Ich wiederum habe mich durch mein oben beschriebenes Verhalten als perfekte Leserin für dieses Buch qualifiziert. Und für alle, die das Lesen der Langfassung dieser Rezension noch ein wenig aufschieben wollen, sei – nur für den Fall, dass das Aufschieben am Ende zum Aufheben, also Aufgeben wird – schon mal gesagt: Das Buch zu lesen, lohnt sich!

Im Grunde, das möchte ich hier ausdrücklich betonen, gehöre ich gar nicht zu den notorischen Aufschieberinnen. Zumindest nicht in jedem Lebensbereich. Zum Beispiel schiebe ich vor lauter Arbeit nicht das Essen so lange auf, bis mir schon schlecht ist. Auch das Lesen der vielen Bücher auf meinem Nachtschrank gehe ich beherzt an und arbeite mich Seite um Seite, Buch um Buch immer weiter vor. Dass der Stapel dennoch niemals kleiner wird, liegt einzig und allein daran, dass der Nachschub mindestens so schnell kommt wie der Fortschritt voranschreitet ... Zugeben muss ich allerdings, dass ich dazu neige, lästige Post nicht oder erst nach Ablauf gewisser Fristen zu beantworten. Post vom Finanzamt gehört etwa dazu, selbst wenn's dabei um ganz harmlose Dinge geht. Das pünktliche Überweisen eines Knöllchens fällt in dieselbe Kategorie, das bekomme ich meistens aber doch noch rechtzeitig geregelt, weil die Furcht, es könne am Ende richtig teuer werden, irgendwann schwerer wiegt als der innere Drang zum Schlendrian.
Doch zurück zu "Dinge geregelt kriegen". Schon die originellen Kapitel-Titel des Buches sprachen mich beim ersten Durchblättern in der Buchhandlung an: "Übernächster Mittwoch ist auch noch ein Tag", "9 to 9.05", "Schön, schlank und fit in 30.000 Tagen" - das klingt doch vielversprechend. Und was soll ich sagen? Die Inhalte halten dieses Versprechen mühelos. An vielen Stellen fühlte ich mich in meinem so lange schamvoll verborgenen prokrastinierenden Wesen nicht nur erkannt, sondern sogar verstanden. In erster Linie leistet das Buch eine quasi wissenschaftliche Klassifizierung der verschiedenen Formen von Prokrastination. Und was für eine Wohltat: Passig und Lobo urteilen nicht darüber, sie verteidigen diese Lebensform vielmehr und zeigen auf, in wie vielen Situationen das Aufschieben sogar die effizientere Form ist, Dinge geregelt zu kriegen. Dann nämlich, wenn sie sich irgendwann von ganz allein erledigt haben. Und das passiert sogar deutlich öfter, als man denkt.
In manchen Fällen allerdings ist selbst den beiden erfahrenen Prokrastinierern Kathrin Passig und Sascha Lobo das Eisen zu heiß, und so raten sie dringend, beim Aufschieben nicht den Blick für das Unaufschiebbare zu verlieren. Und das ist mit drei Worten umrissen: Post, Geld und Staat. Sie raten also insbesondere "schweren Fällen" dazu, Kontoauszüge immer sofort zu öffnen, den Dispokredit für das eigene Girokonto abzuschaffen, Haftpflicht- und Rechtschutzversicherungen abzuschließen und niemals im Internet Waren zu kaufen, die verzollt werden müssen. Wie man es schafft, diese fünf Dinge irgendwie geregelt zu kriegen, beschreiben die Autoren ebenfalls: Man kann mit einigen leichten Übungen anfangen und sich nach und nach zu komplexeren Aufgaben vorarbeiten. Zur leichten Kategorie gehört beispielsweise dieser Tipp: Essen Sie einfach mal was vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums und schon haben Sie eine Aufgabe vor der Deadline erledigt. – Das sollte wohl auch für den extremsten Prokrastinierer zu bewältigen sein.
Wer sich von der Lektüre allerdings eine Heilung seiner Aufschieberitis erhofft, wird mit Sicherheit enttäuscht. Er sollte sich stattdessen an die buchstäblich überbordende Fülle an Ratgebern zu Selbstmanagement, Zeitmanagement, Ordnungsmanagement etc. halten und sich weitere Jahre seines Lebens mit dem Gedanken unglücklich machen, "gleich morgen" die nötige Selbstdisziplin für einen geregelten Lebensstil aufzubringen. Alle anderen werden durch die inspirierenden Gedanken und nicht zuletzt durch die absolut auf den Punkt gebrachten Formulierungen bestens unterhalten. Die Lektüre ist mithin eine wunderbare Möglichkeit, die Zeit zu überbrücken, bis man – gleich nachdem das nächste Kapitel gelesen ist – mit wichtigeren Aufgaben beginnt ...

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